Jan (#1) wird Nekromant


Heute war ein besonderer Tag für Jan. Jan hatte seinen dreizehnten Geburtstag und war endlich alt genug ein Nekromant zu werden. Nekromanten sind Zauberer, und Zauberer können Zaubersprüche. Mehr wusste Jan bisher auch nicht, denn sein Vater hatte ihm bisher noch nicht mehr erzählt. Sein Vater sagte immer, dass er schon sehen werde, was ein Nekromant sein würde. Doch  heute sagte sein Vater, „Setzt dich mal hin, Jan. Du bist heute dreizehn geworden und die Gemeinschaft der Nekromanten hat beschlossen, dass du heute aufgenommen werden sollst“. Jan platzte fast vor Neugier. „Papa, was werde ich als erstes lernen?“, fragte Jan. „Erstmal musst du eine Prüfung bestehen, danach werden die Ältesten dir verraten, was du als erstes lernst“, antwortete sein Vater. Jan seufzte und ließ seinen Kopf fallen.

In dem Augenblick sprang Katy, seine schwarze Katze auf seinen Schoß und begann zu schnurren, gerade so als wollte sie ihn trösten. Jan streichelte Katy über den Kopf und murmelte: „Du kommst mit, wenn ich Nekromant werde“. Katy kam nämlich fast überall hin mit. Jan und Katy waren die besten Freunde und verstanden sich spitze. Wieder etwas aufgemuntert sprang Jan auf und sauste durch sein Zimmer. Er sammelte alles zusammen, was er heute Abend brauchen würde. Das wichtigste für einen Nekromanten ist ein schwarzer Umhang und ein Wanderstock, an dem ein paar Knochen hängen. Dann packte er noch ein paar Klamotten und etwas zu Essen ein und schon war er fertig für die Abreise.

Sein Vater stand schon draußen in seinem schwarzen Umhang und hatte seinen Wanderstab in der Hand. Jan sprang fröhlich auf und nieder. Seine Mutter kam noch heraus und wünschte ihm viel Glück und alles Gute, drückte ihm ein Kuss auf die Stirn, doch Jan war viel zu aufgeregt für eine lange Verabschiedung. Er konnte nicht mehr länger warten. „Los geht’s. Komm Katy“, rief er und seine Katze sprang hinter ihm her. Jan und sein Vater gingen den schmalen Weg in Richtung des kleinen Waldes und dann hoch in die Berge. Dort oben gab es einen Platz an dem sich alle Nekromanten der Umgebung versammelten. Heute sollte Jan in die Gemeinschaft der Nekromanten aufgenommen werden und die Reise dorthin dauerte nur ein Stunde zu Fuß, aber Jan kam es wie Tage vor.

Als Jan und sein Vater ankamen, waren schon alle da und sie warten nur noch auf ihn. Von weitem sah Jan schon  alle in ihren schwarzen Umhängen im Kreis um ein Feuer herum stehen und als Jan und sein Vater den kleinen moos-bedeckten Platz mit dem Feuer erreichten begrüßten ihn alle Nekromanten freundlich. Jan und sein Vater stellten sich auch an das Feuer. Der Älteste hatte einen sehr langen grauen Bart und dicke buschige Augenbrauen. Er hatte einen dunkel-brauen Stab mit einem Totenschädel eines Fuchses daran in der Hand. Mit dunkler Stimme brummte er, „Jan, du bist nun dreizehn und sollst heute ein Nekromant werden.“. Jan zitterte, die dunkle Stimme machte ihm etwas Angst, aber sein Vater legte seine Hand auf seine Schulter, um ihn zu beruhigen. Der Älteste sprach weiter, „Bevor du aber Nekromant wirst, musst du eine Aufgabe erfüllen.“ Dann kam eine Pause und Jan war sehr nervös und zugleich ängstlich. Was, wenn er versagen würde …

Nach einer gefühlten Ewigkeit fing ein anderer Nekromant an zu sprechen. Der sah nicht viel jünger aus als der Älteste. Eigentlich sahen ja alle Nekromanten gleich aus mit dem schwarzen Umhang, aber dieser hatte auf der Schulter Rabenfedern befestigt. Er zupfte eine dieser Federn aus und hielt sie Jan hin. Dann nickte er ihm zu. Jan war sich ganz unsicher was er machen sollte und schaute zu seinem Vater auf. Der sah ihn aufmunternd an und so streckte Jan seine Hand vorsichtig aus. Als er die Feder mit seinem Zeigefinger berührte sprang ein kleiner Blitz von Jan auf die Feder über und begann zu schimmern. Jan nahm die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger und schaute sie sich ganz genau an. Eine ganz normale Rabenfeder, nur dass sie leicht schimmerte. Dann wurde er von dem Raben-Nekromanten aus seinen Gedanken gerissen. „Jan, deine Aufgabe wird es sein, mit dieser Feder in die Raben-Höhle zu gehen und dort die Nacht zu verbringen. Die Feder darf bis zum Sonnenaufgang nicht den Boden berühren, sonst hast du versagt.“ Der Raben-Nekromant zeigte mit seinem knochigen Finger auf einen Höhleneingang am Ende der Wiese und sagte: „Dort musst du hinein und am Ende wirst du die Raben-Höhle finden. Bei Sonnenaufgang warten wir hier auf dich.“

Jan hatte einen Kloß im Hals. Was würde ihn erwarten? Er trottete los Richtung Höhleneingang. Jan fragte sich, warum diese Höhle wohl Raben-Höhle genannt wurde, aber das würde er schon noch heraus finden. Als er am Eingang der Höhle angekommen war, ging die Sonne gerade unter und leuchtete weit in die Höhle hinein. Er konnte am Ende einen kleinen Gang erkennen und so ging weiter bis er nicht mehr stehen konnte. Der Gang war immer kleiner geworden und nun musste er auf allen Vieren krabbeln um weiter zu kommen. Mit der Feder in der Hand war das gar nicht so leicht, denn die durfte auf keinen Fall den Boden berühren. Ein kurzes Stück weiter hinten wurde der Gang wieder zu einer Höhle und darin war ganz oben ein kleines Loch, durch das einige Raben hinein flogen und in ihren Nestern an der Höhlenwand landeten. Jetzt wurde es auch ganz dunkel, denn draußen war inzwischen die Sonne untergegangen.

Jan setzte sich in eine Ecke, in der etwas Stroh lag und lehnte sich an die kalt-feuchte Höhlenwand an. Dann sah er den Raben und ihrem Krächzen zu. Nach einiger Zeit dachte er sogar, dass er ein paar Laute verstehen würde. Er dachte sich, dass das vielleicht an der Feder liegt. Er würde einfach später mal seinen Vater fragen. Die Stunden vergingen quälend langsam in der Dunkelheit, doch seine Augen hatten sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt und die Feder spendete auch etwas Licht. Jan schaute den Raben zu, wie sie ein und ausflogen und inzwischen konnte er sie sogar auseinander halten. Als er mal wieder die Feder betrachtete und an nichts dachte, hörte er Katy, seine Katze, miauen. „Katy, komm her. Das ist so schön, dass du mich besuchst“. Katy schlich sich näher und schaute lauernd auf einen Raben, der sich in die Mitte der Höhle gesetzt hatte und schon eine Weile Jan anschaute. Jan streichelte Katy mit der freien Hand, denn er musste ja immer noch darauf achten, dass die schimmernde Feder nicht herunter fiel.

Der Rabe in der Höhlenmitte war ein junger Rabe, vermutete Jan, da er noch so klein war. Der Rabe hüpfte krächzend und ganz vorsichtig auf Jan und Katy zu. Ganz nah. Jan glaubte, dass der Rabe ihn begrüßte und so sagte er, „Hallo, kleiner Rabe. Hast du auch eine Prüfung abzulegen? Ein Mutprobe?“ Jan lachte laut und der Rabe erschreckte sich und flatterte weg. Jan rief ihm hinterher, „Hey, hab keine Angst, ich habe doch nur gelacht“. Und tatsächlich kam der Rabe zurück und setzte sich ganz nah vor Jan hin. Katy machte einen Buckel, doch Jan beruhigte sie sofort, indem er Katy unter dem Kinn streichelte. Der Rabe neigte seinen Kopf und krächzte etwas, dass sich für Jan wie „Willkommen bei König Krachz“ anhörte. Jan dachte, er müsse sich verhört haben. In dem Augenblick aber kam ein zweiter Rabe angeflogen, den Jan vorher noch nicht gesehen hatte. Es war ein großer Rabe, so groß wie kein anderer in der Höhle. Der Rabe hatte ein paar graue Federn und auf dem Kopf standen ein paar Federn so ab als hätte er eine Krone auf dem Kopf. Jan senkte seinen Kopf und sagte, „Hallo König Krachz, ich bin Jan.“. Der Rabe krächzte, „Hallo Jan, willkommen in der Rabenhöhle“, und Jan traute seinen Ohren nicht. „Du kannst sprechen?“, fragte Jan. „Ja“, antwortete der Raben-König, „, aber was viel wichtiger ist. Du kannst hören.“. Jan wusste nicht, was der König meinte. „Natürlich kann ich hören, aber ich verstehe nicht, was du meinst“. Der Raben-König antwortete, „Ich meine, du verstehst die Rabensprache, du hast hier lange gesessen und aufmerksam zugehört. Dadurch hast du die Rabensprache gelernt. Aber nun zu deiner Aufgabe … „. Jan war schon wieder ganz erstaunt, „Woher weißt du von meiner Aufgabe?“. Der Raben-König lachte krächzend und hüpfte ein Schritt auf die Feder zu. „Diese Feder habe ich vor langer Zeit einem Nekromanten gegeben und er sollte sie an einen ganz besonderen Jungen geben, der die Gabe hat mit Tieren zu sprechen. Nun bist du gekommen und sollst von mir deinen ersten Zauberspruch lernen.“ Jans Mund klappte auf und er stotterte, „Ich kann doch gar nicht mit Tieren sprechen“. Der Raben-König lachte wieder, nur noch viel lauter als letztes Mal. „Du Dummerchen, und wie kannst du dich mit mir unterhalten, wenn du nicht mit Tieren sprechen kannst?“ Jan überlegte und jetzt staunte er nicht schlecht. Natürlich, er konnte es schon immer. Mit Katy hat er sich schon so oft unterhalten und er hatte immer das Gefühl, dass er sie verstehen konnte, doch sein Vater sagte immer, dass das Quatsch sei und das nur in seiner Vorstellung sei. Er schaute zu Katy und sagte, „Siehst du, wir haben uns schon immer verstanden“. Der Raben-König sagte, „Siehst du, willst du nun deinen ersten Zauberspruch lernen?“. Jan konnte gar nicht schnell genug „Ja“ sagen und ließ vor lauter Aufregung die schimmernde Feder aus seiner Hand fallen als er freudig in die Hände klatschte.

Als Jan die fallende Feder sah, bekam er einen Riesenschreck, denn wenn die Feder den Boden berührte, dann hatte er versagt. Aber wie der Blitz flog der junge Rabe los und schnappte die Feder im Flug auf und setzte sich danach bei Jan auf die Schulter. In seinem Schnabel hielt er die Feder. Jan, war erleichtert. Der Raben-König krächzte, „Nun komm in die Mitte der Höhle und sprich mit dem Geistern der Raben. Ich zeige dir, wie das geht. Mache alles nach, was ich dir zeige. Danach kannst du den Geistern eine Frage stellen bevor der Zauber zu Ende ist.“. Der Raben-König flog ein kurzes Stück in die Mitte der Höhle. Dort lag ein Haufen aus Hunderten Raben-Skeletten. Jan ging hinterher und stellte sich direkt hinter den Raben-König, der mit dem Schnabel seltsame Zeichen in den Staub auf dem Boden kratze. Jan tat es ihm nach. Er versuchte die Zeichen so genau wie möglich nach zu zeichnen. Sein Vater hatte auch zu Hause einige Bücher mit solchen Zeichen, er nannte sie immer Runen. Jan hatte schon geahnt, dass die Runen zum Zaubern gut sind, aber er durfte nie an diese Bücher. Der Raben-König zeichnete vier Runen auf den Boden, auf jede Seite des Haufens eine und Jan zeichnete direkt daneben die Rune nach. Dann blieb der Raben-König stehen und sagte, „Spiritum lucutio, Spiritum lucutio, Spiritum lucutio“. Jan sprach es nach, auch wenn er keine Ahnung hatte was es bedeutet. Dann sah Jan hunderte Rabengeister aus den Skeletten aufsteigen und vor ihm flatterten. Der Raben-König sagte, „Das hast du gut gemacht, nun stelle deine Frage“.

Jan überlegte nur kurz, denn er hatte seinen Vater schon so oft gefragt, was denn ein Nekromant tut. Sein Vater hat aber immer nur gesagt, dass er das noch früh genug lernen würde. Jan sah den Rabengeistern fest in die Augen, sein Herz schlug vor Aufregung bis zum Hals, dann fragte er „Was ist ein Nekromant?“. Der Geist schaute ernst zurück, zumindest glaubte Jan das, denn er wusste ja nicht, wie Raben ernst aussehen. Der Rabengeist krächzte, „Ein Nekromant zu sein, ist jemand, der in der Nekromanten Gemeinschaft aufgenommen wurde.“ Jan dachte, der Rabengeist will sich über ihn lustig machen. Das war keine Antwort, die er erwartet hat. Er wollte sich schon beschweren, aber dann sprach der Geist weiter, „Aber das ist sicher nicht das, was du wissen willst. Du musst lernen, deine Fragen genauer zu stellen, wenn du einen Geist befragst. Geister befragen ist eines der Dinge die Nekromanten tun. Aber nicht nur das, sondern dass du Zauber lernst, die irgend etwas mit dem Tod zu tun haben. Viele Menschen haben Angst vor Nekromanten, weil sie nicht verstehen, was diese tun. Und wenn Menschen etwas nicht verstehen, dann haben sie oft Angst, aber das geben sie natürlich nicht zu. Stattdessen erfinden sie Dinge über das Fremde und Unbekannte, die dann sehr weh tun können und ungerecht sind.“ Jan verstand den Geist nicht und schaute etwas ratlos. Der Geist sagte, „Hier mal ein Beispiel. Stell dir mal vor, du kennst nur Leute aus deinem kleinem Dorf. Auf einmal taucht ein fremder Mann auf, der ganz anders gekleidet ist und in einer anderen Sprache spricht. Der Mann lässt sich in deinem Dorf nieder. Und eines Tages kommt ein Sturm und ein Blitz schlägt in ein Haus ein und brennt es nieder. Nun gibt es Menschen, die sehr abergläubisch sind und die glauben, dass dieser Fremde daran Schuld ist. Das ist natürlich Quatsch, denn das Wetter kann er ja nicht beeinflussen. Aber einige Menschen erfinden dann Dinge, wie beispielsweise, dass  der Fremde kurz vorher ein Zeichen in den Sand vor dem Haus gemalt hat. Sie glauben, er hat etwas Böses gezaubert. Und genauso ist es mit Nekromanten. Manchmal glauben Menschen, dass Nekromanten etwas schlimmes oder etwas böses verursacht haben. Du musst sehr vorsichtig sein, draußen in der Welt. Nekromanten sind genauso gut oder böse wie andere Menschen. Ob du deine Zauber für etwas Gutes oder etwas Böses einsetzt ist allein deine Sache, aber auch deine Sicht der Dinge. Wenn du etwas als Gut bezeichnest, dann können andere Menschen das als Böse bezeichnen.“ Dann hörte der Geist auf zu sprechen und verschwand wieder in den Knochen. Jan stand ratlos da und dachte über die Worte nach, aber er hat sie nicht richtig verstanden. Jan sagte zu sich, dass er die Worte eines Tages schon noch verstehen würde. Erwachsene sprechen ja immer so unverständliches Zeugs und ein Geist ist ja ein sehr alter Erwachsener und damit redet der also noch viel unverständlicheres Zeugs. Zumindest hatte er verstanden, dass Nekromanten Zauber lernen, die irgendetwas mit dem Tod zu tun haben. Geister befragen hat ja auch etwas mit dem Tod zu tun, denn der Geist ist ja irgendwann mal gestorben. Das reichte ihm erstmal und er sah zu dem Loch in der Höhle hinauf. Die Sonne blinzelte schon etwas durch das Loch. Er hatte es also fast geschafft. Der junge Rabe auf seiner Schulter hatte immer noch die schimmernde Feder im Schnabel und so kroch Jan mit dem jungen Raben auf der Schulter hinaus zu den den anderen Nekromanten.

Draußen angekommen sahen ihn die anderen mit großen Augen an. Und dann applaudierten und jubelten sie, „Toll Jan! Hervorragend! Du hast es geschafft!“. Sein Vater kam auf ihn zu und hob ihn hoch, „Ich bin stolz auf dich, du hast nun sogar einen Gefährten, das haben nicht viele Nekromanten“. Jan verstand wieder nicht viel, nur das alle froh waren, dass er die Feder nicht fallen lassen hatte. Er freute sich und merkte jetzt, dass er sehr müde war, denn er war die ganze Nacht wach gewesen. „Papa, darf ich die Augen kurz zu machen?“, fragte er. Sein Vater nickte und schon schlummerte Jan an der Schulter seines Vaters ein.

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